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Leseprobe aus "Wenn es Liebe wird"


Felicitas parkte vor der Eingangspforte zu dem Grundstück, wo sie Viktor Gabriels Haus vermutete. Ein triumphierendes Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie beim Aussteigen ein stetiges Hämmern vernahm. Hier war sie richtig und vor allem – er war da. Sie beugte sich noch einmal in den Wagen, holte die Fototasche heraus und hängte sie sich über die Schulter. Mit raschen Schritten machte sie sich auf den Weg zum Interview mit dem Steinbildhauer.

Lediglich mit einer Latzhose bekleidet – ohne Hemd oder Shirt – bearbeitete Viktor Gabriel mit Hammer und Meißel den dicken Sandsteinblock, als sie bei ihm eintraf. Okay, das Thermometer war inzwischen auf mindestens achtundzwanzig Grad im Schatten geklettert und körperliche Arbeit war nun mal schweißtreibend, aber einer Reporterin bei einem offiziellen Termin in so einem Aufzug gegenüberzutreten, fand Felicitas etwas unpassend – und äußerst irritierend. Na gut, wenn sie ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass er ja nicht wissen konnte, wann sie noch einmal auftauchen würde – aber ahnen hätte er es wenigstens können. Und zurückrufen natürlich auch.
Kleine Steinsplitter flogen um ihn herum, aber es schien ihm nichts auszumachen, wenn ihn ein Stück traf. Lediglich seine Augen schützte er mit einer Arbeitsbrille, die er auf seine Stirn schob, nachdem Felicitas sich mit wedelnden Armen und einem lauten „Guten Tag, Herr Gabriel” bemerkbar gemacht hatte.
„Was wünschen Sie?“, fragte er ziemlich barsch mit tiefer, rauer Stimme und zog fragend eine Augenbraue hoch.
Was wollte sie eigentlich von ihm? Ihr Kopf war wie leer gefegt. Der Anblick dieses Mannes brachte sie aus der Fassung. Nicht nur, weil er halb nackt vor ihr stand und seine gebräunte Haut schweißnass glänzte. Dunkle Haare, die bis über seine Ohren reichten, kringelten sich feucht und glänzend um ein schmales Gesicht. Felicitas fand ihn nicht im wirklichen Sinne schön, aber er besaß eine Ausstrahlung, die sie umhaute. Er war um einiges größer als sie selbst, sie schätzte ihn auf mindestens einen Meter fünfundachtzig. Zwei tiefe Falten hatten sich beidseitig von seiner schmalen Nase aus in sein Gesicht eingegraben und reichten fast bis zu den Mundwinkeln. Das ließ ihn sehr ernst aussehen. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig. Seine Augen, hell, graublau und von einem dichten Kranz langer Wimpern umgeben, musterten sie argwöhnisch.
Felicitas riss sich zusammen und erklärte ihm ihren Besuch.
„Sie sind die Tante von der Zeitung?”
Felicitas bemerkte, wie sich ihr Gegenüber unwillkürlich an die Hosentasche fasste. Vermutlich steckte da der Zettel drin, den sie ihm hinterlassen hatte. Das war ja nicht zu fassen! Ein bisschen freundlicher könnte er schon sein. Immerhin sollte ein Artikel über ihn erscheinen und das war schließlich Werbung für ihn und seine Arbeit. Felicitas hatte schon eine passende Antwort parat. Doch im letzten Moment zügelte sie sich und schluckte sie hinunter. „Ja, die bin ich“, sagte sie stattdessen und hielt ihm die Hand zur Begrüßung hin. „Felicitas Kleine vom Hamelner Tageblatt.“
Er zögerte, zog schließlich die Arbeitshandschuhe aus, wischte sich die Finger am Latz seiner Hose ab und ergriff Felicitas Rechte. Seine Hand fühlte sich rau an und strahlte eine derartige Hitze aus, dass Felicitas glaubte, ihre Haut würde brennen. Ein Kribbeln zog an ihrem Arm hinauf und in ihren gesamten Körper.
„Ähm, wollen wir zuerst das Interview machen oder die Fotos?”, fragte sie rasch, um sich abzulenken, und zog ihre Hand zurück.
„Mir egal”, brummte er, zog die Brille herunter und nahm wieder sein Werkzeug.
„Okay, dann zuerst die Fotos. Tun Sie so, als wäre ich gar nicht da.“
Genau das tat er. Er schien ihre Anwesenheit vergessen zu haben, sobald er seine Arbeit aufnahm.
Felicitas holte die Kamera hervor und begann eine Serie von Fotos zu schießen. Von allen Seiten nahm sie ihn auf, fasziniert vom Spiel seiner Muskeln. Was für ein Körper! Sie konnte es kaum abwarten, die Bilder später in aller Ruhe auf ihrem PC betrachten zu können.
„Autsch!” Ein heftiger Schmerz an der Stirn ließ Felicitas zusammenzucken. Etwas hatte sie getroffen, ein Steinsplitter vermutlich. Sie ließ die Kamera sinken und betastete vorsichtig die schmerzende Stelle. Glücklicherweise blutete nichts, zumindest konnte sie an ihrer Hand kein Blut entdecken. Aber eine Beule würde sie bestimmt bekommen. Um die Verletzung zu überdecken, zupfte sie ein paar ihrer Locken in die Stirn.
Viktor Gabriel arbeitete wie ein Besessener. Er schien Felicitas Malheur gar nicht bemerkt zu haben.
Sie sah ihm eine Weile bei der Arbeit zu, konnte sich aber nicht zusammenreimen, was er da erschaffen wollte.
„Was wird das?”
Er reagierte nicht.
„Herr Gabriel! An was arbeiten Sie?”
„An Sandstein.”
Für wie blöd hielt er sie eigentlich? „Ich wollte wissen, was das werden soll.”
„Weiß ich noch nicht.”
„Wieso nicht?”
Er zuckte mit den Schultern.
„Herr Gabriel?” Felicitas bemerkte, wie er tief durchatmete, bevor er ihr antwortete.
„Manchmal fallen größere Stücke ab, als ich vorgesehen hatte und dann muss ich umdisponieren. Genau das ist mir vorhin passiert.
„Was sollte das ursprünglich werden?”
„Ein Rehbock.”
„Entwerfen Sie hauptsächlich Tiere?”
„Nee.”
Felicitas atmete tief durch. Der war wirklich eine harte Nuss. Aber sie würde ihn schon noch knacken. So schnell würde sie nicht aufgeben.
„Darf ich mich mal umsehen?”
Er brummte etwas, was sie als Zustimmung auslegte.
Natürlich behielt Felicitas für sich, dass sie sich bereits am Morgen ein wenig umgesehen hatte. Jetzt, wo sie quasi sein Einverständnis hatte, hielt sie nichts mehr zurück. Sie streifte auf dem Grundstück umher und knipste so ziemlich alles, was ihr vor die Linse kam. Um den alten Schuppen herum schlängelte sich der schmale Pfad, dem Felicitas schon am Morgen gefolgt war und der auf die Wiese führte, die über und über mit Gänseblümchen, Butterblumen, Löwenzahn und vielerlei Kraut übersät war. Mitten drauf stand eine schwarz lackierte Sonnenuhr. Konnte er etwa auch schmieden, schweißen oder wie auch immer man das nannte? Das wollte sie ihn später fragen. An der Rückseite des Schuppens lehnten merkwürdige Fratzen aus Stein. Einige davon jagten ihr einen unangenehmen Schauder über den Rücken. Die gefielen ihr ganz und gar nicht. Wer kauft denn so etwas? Aber es ging auch nicht darum, was ihr gefiel, sondern nur darum, über die Arbeit von Viktor Gabriel zu berichten. Unter einem Kirschbaum entdeckte Felicitas kleine Statuen mit runden, pausbäckigen Gesichtern, die sie sofort an Engel erinnerten. Nur, dass die hier keine Flügel trugen. Sie sahen so richtig knuddelig aus – schon eher nach ihrem Geschmack. Sie setzte sich vor die Figuren ins Gras, stellte Blende und Belichtung ein und schoss einige Fotos. So richtig zufrieden war sie noch nicht. Sie streckte sich auf dem Bauch aus und stützte ihre Ellenbogen auf dem Erdboden ab. So war die Perspektive viel besser. Noch unzählige Male drückte sie auf den Auslöser und hatte bereits entschieden, eine dieser Aufnahmen für den Artikel zu verwenden.
„Gefällt es Ihnen da unten?”
Felicitas schrak auf. Peinlich berührt versuchte sie, möglichst schnell auf die Füße zu kommen.
„Mindestens auf Augenhöhe mit dem Motiv sein“, sagte sie rasch als Erklärung. Auf dem Display der Kamera überprüfte sie währenddessen die Aufnahmen.
„Darf ich auch mal?” Viktor Gabriel stand plötzlich dicht hinter Felicitas und beugte sich über ihre Schulter.
Seine Nähe nahm ihr fast den Atem und sie wünschte sich plötzlich, er würde sie berühren. Für einen Moment schloss sie die Augen und hoffte, dadurch ihre Sinne wieder sammeln zu können. Schließlich war sie aus rein beruflichen Gründen hierhergekommen. Damit, dass sie auf einen derart attraktiven und äußerst verwirrenden Mann treffen würde, hatte sie nicht gerechnet. Sie atmete tief ein und aus und drehte sich zu ihm um.
„Darf ich Ihnen jetzt einige Fragen stellen?“
„Wenn es sich nicht vermeiden lässt.“ Er seufzte und ließ sich vor Felicitas Füßen im Gras nieder.
Sie musste sich eingestehen, der Platz für dieses Gespräch gefiel ihr und nahm ihm gegenüber Platz. Aber die Informationen über die Arbeit dieses Mannes musste sie sich hart erkämpfen ...